19.07.2010

Vorarlberger Industriekonjunktur: Positive Signale, aber zurückhaltende Erwartungen

„Die Konjunktur befindet sich in einem Erholungsprozess und die Wirtschaftsentwicklung geht in die richtige Richtung.

Maßgeblich dazu beigetragen hat die Industrie. Nun ist der Staat an der Reihe, seine Hausaufgaben zu machen, den Standort Österreich zu stärken und das Budget ausgabenseitig zu konsolidieren", so IV-Geschäftsführerin Mag. Michaela Wagner einleitend zu den Ergebnissen der Konjunkturumfrage der Vorarlberger Industrie im zweiten Quartal 2010. Positive Signale sind bei mehreren Parametern der Umfrage vorhanden, die Erwartungen sind aber zurückhaltend.

  

49 Unternehmen mit insgesamt 20.687 Beschäftigen haben sich an der aktuellen Konjunkturumfrage (2. Quartal 2010) der Industriellenvereinigung Vorarlberg und der Sparte Industrie der Wirtschaftskammer Vorarlberg beteiligt.

 

„Die konjunkturelle Entwicklung der Vorarlberger Industrie ist erfreulich, der Aufwärtstrend hat an Dynamik gewonnen. Dies belegt insbesondere die Entwicklung des Geschäftsklimaindex (Mittelwert aus der aktuellen Geschäftslage und der Einschätzung der Geschäftslage in sechs Monaten), der sich im zweiten Quartal 2010 gegenüber dem Vorquartal um 18,4% verbessert hat und nun bei plus 28,7% liegt. Vor einem Jahr lag dieser Wert noch bei minus14,9%, so IV-Geschäftsführerin Mag. Michaela Wagner. Allerdings sei auch darauf hin zu weisen, dass der Geschäftsklimaindex noch vor drei Jahren (2. Quartal 2007) bei über 50% lag. „Vom Vorkrisenniveau sind wir doch noch ein Stück entfernt", so Wagner.

 

Die Einschätzung der derzeitigen Geschäftslage in der heimischen Industrie hat sich deutlich von plus 7 im Vorquartal auf plus 52% verbessert. Nur 6% der Unternehmen haben mit einer aktuell schlechten Geschäftslage zu kämpfen, 58% bewerten diese positiv, 36% bezeichnen sie als durchschnittlich.

 

Ein ähnliches Bild zeigt auch die aktuelle Auftragslage: 61% der Betriebe berichten von einer guten Auftragslage, nur 4% von einer schlechten. Der Saldo hat sich seit dem letzten Quartal von 12 auf 57% verbessert. Auch die aktuellen Auslandsaufträge machen deutlich, dass die Konjunktur auf einem Erholungspfad ist. Mehr als die Hälfte der Industriebetriebe (52%) gibt an, aktuell gute Auslandsaufträge zu verzeichnen, 5% bezeichnen sie als schlecht (Verbesserung des Saldowertes von +15 auf +48%).

 

Leichte Entspannung der Ertrags- und Beschäftigungssituation

Positiver als zuletzt wird auch die derzeitige Ertragssituation beschrieben: 39% der befragten Betriebe bezeichnen sie als gut, 51% als durchschnittlich und 9% als schlecht (Verbesserung des Saldowertes von +10 auf +30%).  

 

Positive Signale gibt es auch beim Beschäftigtenstand in drei Monaten: 42% bekräftigen, zusätzliche Mitarbeiter einzustellen. Der Saldo aus positiven und negativen Einschätzungen konnte sich gegenüber dem Vorquartal um 30% auf 42% steigern. Noch vor einem Jahr gaben 28% der befragten Industrieunternehmen an, Mitarbeiter abbauen zu wollen. Davon geht heute erfreulicherweise kein Betrieb mehr aus.

  

Sechs-Monats-Horizont zurückhaltend bewertet

Weniger optimistisch sieht hingegen die künftige Halbjahreserwartung aus. Die Einschätzung der Geschäftslage im Sechs-Monats-Horizont knickt - verglichen mit dem ersten Quartal dieses Jahres - wieder ein. Der Saldo fällt von 13 auf 6%. Nur 8% der Befragten glauben, dass sich die Geschäftslage in einem halben Jahr weiter verbessern wird, 2% gehen von einer Verschlechterung und die große Mehrheit (89%) von einer gleich bleibenden Situation aus.

 

Noch deutlicher fällt die Einschätzung der Ertragssituation in sechs Monaten aus: Die Befragten rechnen zu 25% mit einer Verschlechterung der Erträge, nur 5% erwarten sich eine Verbesserung. Der Saldo aus positiven und negativen Einschätzungen liegt mit minus 20% wieder deutlich im negativen Bereich.

 

„Die Konjunktureinschätzung unserer Industriebetriebe zeigt, dass die derzeitige wirtschaftliche Lage durchwegs positiver betrachtet wird als in den vorangegangenen Quartalen. Das ist erfreulich. Die Befragung zeigt aber auch, dass dieser Optimismus sehr punktuell ist und nicht bis zum Winter reicht. Berücksichtigt man den tiefen Absturz der Wirtschaft vor einigen Monaten, so ist die momentane Geschäfts-, Auslastungs- und Ertragssituation zufriedenstellend. Mit den Jahren der Hochkonjunktur ist diese Entwicklung aber noch keineswegs vergleichbar. Das Geschäft ist sehr schnelllebig und kurzfristig geworden und die Planbarkeit wird für die Unternehmen immer schwieriger", so Wagner.

  

Die Ergebnisse der einzelnen Branchen

„Bei der Maschinen- und Metallindustrie haben sich die meisten Parameter gegenüber dem Vorquartal deutlich verbessert", so der Geschäftsführer der Sparte Industrie in der Wirtschaftskammer Vorarlberg, Mag. Michael Amann. 72% der Befragten beschreiben die aktuelle Geschäftslage als gut, 12% als schlecht (Verbesserung des Saldowertes von 0 auf +61)! Auch der aktuelle Auftragsbestand stimmt positiv: 57% sprechen von einem guten Auftragsbestand, 6% von einem schlechten (Verbesserung des Saldowertes von -4 auf +51). Auch die Auslandsaufträge haben deutlich angezogen: Knapp zwei Drittel der befragten Unternehmen (65%) verzeichnen mehr Bestellungen aus dem Ausland, bei 11% sind diese rückläufig (Verbesserung des Saldowertes von -7 auf +55). Dies hat auch Auswirkungen auf den Beschäftigtenstand: In den nächsten drei Monaten wollen 52% mehr Mitarbeiter einstellen. Keine Verbesserung gibt es bei den Verkaufspreisen: Hier ist nach wie vor ein Minussaldo von 51% zu verzeichnen. 51% rechnen immer noch mit fallenden Verkaufspreisen. Das hat auch deutliche Auswirkungen auf die Ertragssituation in sechs Monaten: 46% glauben, dass sie schlechter wird, nur 7% erwarten eine bessere Ertragssituation. Der Saldo von -40% bei der Halbjahresprognose ist auffallend schlecht.

 

Die Nahrungs- und Genussmittelindustrie weist durchgängig positive Parameter aus. Die aktuelle Geschäftslage wird von 37% als gut bewertet, von 5% als schlecht (Verbesserung des Saldowertes von 0 auf +32). Auch der derzeitige Auftragsbestand ist erfreulich: 68% verzeichnen einen guten Auftragsbestand, 5% sprechen von einem schlechten (Verbesserung des Saldowertes von +30 auf +63). Auch die derzeitige Ertragssituation stimmt positiv: 14% bewerten diese als gut, kein einziges Unternehmen als schlecht. Alle Unternehmen gehen davon aus, dass die Ertragslage im kommenden Halbjahr gleich bleibt. Optimismus ist hinsichtlich der Verkaufspreise im nächsten Quartal erkennbar: 38% geben an, dass die Verkaufspreise steigen werden, niemand geht davon aus, dass sie sinken. Beim Beschäftigtenstand in drei Monaten geben 52% an, dass sie schon bald mehr Mitarbeiter brauchen werden. An einen Personalabbau denkt kein einziges Unternehmen der Nahrungs- und Genussmittelindustrie.

 

Eine Verbesserung der Geschäftslage vermeldet auch die Textilindustrie: jeweils 50% bezeichnen diese als gut und 50% als durchschnittlich (Verbesserung des Saldowertes von +14 auf +50). Noch positiver wird der momentane Auftragsbestand beurteilt: 73% sprechen von einem guten Auftragsbestand, niemand von einem schlechten (Verbesserung des Saldowertes von +25 auf +73). Auch die Verkaufspreise für das nächste Quartal werden von 36% als steigend erwartet, von fallenden Preisen geht niemand aus. Nicht ganz so positiv werden die Produktionstätigkeit sowie die Auslastung der Produktionskapazität in den nächsten drei Monaten eingeschätzt. Bei beiden Indikatoren haben sich die Saldowerte gegenüber dem vorangegangen Quartal verschlechtert (Produktionstätigkeit in 3 Monaten von +21 auf +9, Produktionskapazität in 3 Monaten von +48 auf +3). Zwar glaubt bei beiden Parametern niemand an eine Verschlechterung, aber es gehen nur 9% (Produktionstätigkeit) bzw. 3% (Produktionskapazität) von einer Verbesserung aus. Hinsichtlich der Geschäftslage im nächsten Halbjahr nehmen alle Unternehmen dieser Branche an, dass sie gleich bleiben wird. Niemand glaubt an eine Verbesserung oder Verschlechterung. Genauso verhält es sich auch bei der Mitarbeiterentwicklung: alle befragten Unternehmen wollen den Mitarbeiterstand halten.

 

„Die Elektroindustrie ist mit den aktuellen Entwicklungen im Großen und Ganzen zufrieden. Allerdings hat diese Branche eher verhaltene Zukunftserwartungen", so Amann. Die aktuelle Geschäftslage bewerten 49% als gut, auch der momentane Auftragsbestand wird mit 52% ebenso positiv bewertet wie die derzeitigen Auslandsaufträge. Auch die aktuelle Ertragssituation wird von 46% positiv gesehen und konnte den negativen Saldowert von minus 1 auf nunmehr plus 46% heben. Nicht ganz so positiv wie Anfang des Jahres fällt die Einschätzung für das nächste Halbjahr aus. Hinsichtlich der Ertragssituation in 6 Monaten hat sich der Saldowert von 46 auf 4% verschlechtert (nur 4% bewerten diese gut, 96% gleich bleibend). Auch bei der Geschäftslage in einem halben Jahr ist der Saldowert von 46 auf 1% gesunken. Allerdings wird in dieser Branche von 46% erwartet, dass sich die Produktionstätigkeit im nächsten Quartal verbessern wird, nur 2% gehen von einer Verschlechterung aus. Auch die Verkaufspreise in den nächsten drei Monaten werden von 33% höher gesehen, niemand glaubt an einen Einbruch. 50% gehen von steigenden Beschäftigtenzahlen in den nächsten drei Monaten aus, kein Unternehmen denkt an Kündigungen.

 

 

Wirtschaftsstandort Österreich stärken

„Zusammenfassend kann man sagen, dass die Vorarlberger Industrie derzeit wieder auf Wachstumskurs ist und sich die aktuelle Geschäfts-, Auftrags- und Ertragslage merklich entspannt hat. Allerdings wird auch deutlich, dass die diesbezüglichen Erwartungen für das nächste Halbjahr einknicken. Der Erholungsprozess ist am Laufen, von einem selbsttragenden Aufschwung sind wir aber noch weit entfernt", so IV-Geschäftsführerin Mag. Michaela Wagner. Die Zukunftserwartungen seien geprägt von Unsicherheit und vorsichtigem Optimismus. Das Tagesgeschäft sei viel kurzfristiger und schlechter planbar geworden. Zudem würde die Rohstoffbeschaffung zunehmend zu einem Wettbewerbsfaktor für unsere Unternehmen - die starke Nachfrage, lange Lieferzeiten sowie die hohen Preise würden die Industrie jetzt schon massiv belasten. 

 

Dies alles fordere von den Unternehmen maximale Flexibilität. „Dies spiegelt sich aber noch immer nicht in den gesetzlichen Regelungen der Arbeitszeiten wider. Wir brauchen dringend eine Flexibilisierung und Durchrechnungszeiträume von zwei Jahren", so Wagner. „Gerade jetzt muss der Wirtschaftsstandort Österreich deutlich gestärkt werden. Dies gelingt aber ganz sicher nicht durch einen neuen, kreativen Steuerwahnsinn und zusätzliche bürokratische Belastungen. Was wir nun brauchen, ist eine politische Reformfreudigkeit der Bundesregierung sowie der Landesregierungen. Diese Entscheidungsstarre vor Wahlen schadet der Wirtschaft und schadet Österreich. Der marode Finanzhaushalt stellt schon mittelfristig eine große Gefahr dar und muss dringend saniert werden - und zwar primär ausgabenseitig", so Wagner. Neue Belastungen für die Unternehmen würden das zarte Pflänzchen der Konjunkturerholung gefährden.

 

Die Umfragemethode:

Den Unternehmen werden vier Antwortmöglichkeiten gegeben: gut, neutral, negativ und nicht zutreffend. Errechnet werden die (beschäftigungsgewichteten) Prozentanteile dieser Antwortkategorien, und dann wird die konjunktursensible „Saldo" aus den Prozentanteilen positiver und negativer Antworten unter Vernachlässigung der neutralen gebildet. An der Umfrage haben sich 49 Unternehmen mit 20.687 Beschäftigten beteiligt.


Fotos
Michaela Wagner (GF IV Vorarlberg) Michael Amann (GF Sparte Industrie der WK Vorarlberg)
Michaela Wagner (GF IV Vorarlberg) Michael Amann (GF Sparte Industrie der WK Vorarlberg)


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